Die Schneekugel

„Du musst es fühlen.”

Jenjas Worte prasseln animierend bis beschwichtigend auf mich ein. Ich hole tief Luft und versuche meinen Blick, der einen Rothko gefangen hält, von Erkennen auf Fühlen umzustellen.

Still horche ich in mich hinein.

Neben mir hat meine Freundin aufgehört zu atmen, als wenn ich dann empfänglicher für abstrakte Kunst würde.

Orange, Gelb, über die Linie gemalt.

Ich fühle, atme aus, wende mich Jenja zu und erkläre, dass ich ganz deutlich empfinde, dass der Künstler sich bestimmt wochenlang für dieses Meisterwerk an Effizienz gefeiert hat. Zwei unbegrenzte, quadratische, farbige Flächen. Wird bestimmt ewig gedauert haben, dies in seinem Kopf zu kreieren und später fachmännisch Form werden zu lassen.

Das Gesicht meiner Freundin kämpft damit keine Resignation zu zeigen. Ich versuche alle Vorurteile und meinen Sarkasmus kurz irgendwo zwischenzuparken und Rothko eine weitere Möglichkeit einzuräumen, mir zu beweisen, dass er zu Recht gehypt wird.

Erneut betrachte ich das sogenannte Gemälde. Orange, Gelb, schöne Farben, Grenzenlosigkeit, Ausbruch aus der Form. Ich starre so lange, bis meine Augen tränen. Endlich fühle ich etwas. Schmerz. Ich sollte blinzeln.

Als ich später nachlese und lerne, dass der Mann das Ding in noch anderen Farbkombinationen produziert hat, kann ich nur anerkennend nicken und ihn letztendlich doch feiern. Auf dem Heimweg werde ich für meinen Sohn einen Tuschkasten kaufen und plane, ihn demnächst mit ein paar Galeristen bekannt zu machen. Alles geht, nichts muss.

Auch wenn Herr Rothko und Herr Pollock mich bis zum Verlassen des Museums nicht von sich überzeugt haben, die soufflierten Anmerkungen meiner privaten Kunsthistorikerin zu Hopper, O’Keefe und Frankenthaler bleiben für immer verankert in meinem Gedächtnis.

Zeit mit Jenja bedeutet für mich immer lernen. Lernen und lachen. Egal wo wir flanieren oder gastieren, Jenja weiß alles. Spazieren wir durch Sanssouci, berichtet sie, wer die Hecken wann zu welchem Zweck gepflanzt hat, wie hoch der Kostenvoranschlag war und wer den Park 200 Jahre später verwaltet. Sitzen wir in Prötzels ‚Goldener Kartoffel‘ und blicken über das Schloss, berichtet sie, wie viele Russen ’45 über den See einmar-schwimmen wollten, wie viele davon Strudeln zum Opfer gefallen sind und dass die Armenier gerade den Seiteneingang unsachgemäß zugemauert haben.

Meine Freundin ist eine enzyklopädische Matroschka.

Irgendwann 2006 stand eine junge Italienerin auf Arbeit am Bücherregal. Neue Lehrerin, Brille, Französisch und Deutsch, super dünn, Arbeitstier. Ein kurzes Gespräch bestätigte, die Frau muss nachts auf Lexika schlafen und die ambitionierteste Studentin unter der Sonne sein. Sehr gegensätzlich zu meinem minimaler Input-, maximaler Output-Stil, aber immens interessant.

Irgendwann kurz nach diesem von mir mental aufgenommenen Bild, stand ich in der Küche, kochte allein Essen, als das Telefon klingelte. Ob ich sie am Hauptbahnhof abholen könne, sie sei versetzt worden. Bis heute überlege ich, woher die Frau meine Nummer hatte. Bis heute ist mir ebenfalls unklar, warum ich mein Strohwitwendasein aufgab und losfuhr.

Eine Stunde später saß eine aufgelöste Kunsthistorikerin auf der Couch, die niemals meine sein würde, in einer Wohnung, die nie meine werden würde und aß still Essen, dass ich niemals kochen würde, wenn der Couchbesitzer da wäre. Reis, Tomaten, Schafskäse. Die Italienerin verwandelte sich in eine Strausbergerin, schien emotional nicht annähernd so taff, wie antizipiert, bewies aber schon damals, dass sie eine Kaiserin sei, als sie fragte, ob ich in ihrem Teller Mango gegen Tomaten tauschen könne. Meine gehobenen Augenbrauen ob der Anfrage hätten sich wohl nie gesenkt, wäre ihre nächste Frage nicht gewesen, ob wir „Die rechte und die linke Hand des Teufels“ gucken wollen.

Klack, machte die Matroschka und zeigte, was in ihr war. Jenja.

2017 huschen wir nach dem Museumsbesuch kichernd durch den Potsdamer Regen. Sonst scheint uns die Sonne, heute fällt spazieren aus. Es verschlägt uns ins Lindencafé. Vor über zehn Jahren waren wir das erste Mal hier. Kurz vor meiner Hochzeit. Ein Tag purer Freiheit. Alleine S-Bahnfahren in eine andere Stadt, aus dem Fenster gucken, Berlin wie ich es liebe an mir vorbei ziehen sehen. Bornholmer Straße. Häuserschluchten. Flakturm. In den Tunnel. Der kühle Anhalter Bahnhof. Auftauchen. Schöneberger Hinterhöfe. Lichterfelde West. Uni-homeground. Zehlendorfer Idylle und raus aus der Stadt. In Babelsberg wartet Jenja und der Kaffeeverkäufer lächelt mich länger an als er muss. Wir besuchen die LOTR-Ausstellung, die Zille-Stube demonstriert phallische Pfeffermühlen-Akrobatik und am Nachmittag landen wir für Kaffee und Kuchen eben im Lindencafé. In den Monaten davor war ich selten so Miss Schade wie an diesem Tag und ich werde es bis zu meinem Erwachen drei Jahre später selten sein.

Wir setzen uns ans Fenster und ich blicke auf den wunderschönen Hinterausgang des Bahnhofs, der umrandet wird von Straßenbahn und leuchtender Dönerbude. Helicopetermütter radeln auf Zweirad-Ferraris vorbei. Raucher quetschen sich unter den einzigen vergessenen Schirm. Die Bahn rauscht über die Brücke Richtung Bahnhof. Fast Berlin. Immer noch mein Happy Place. Ich lehne mich auf der samtigen, weichen Bank zurück, blicke zu Jenja, die wild gestikulierend erzählt und freue mich auf den Moment, in dem sie die Kellnerin nach dunklem Zucker fragen wird. Kaiserin bleibt Kaiserin. Bisher haben wir nur wenige Menschen mit hierher gebracht. Darcy durfte. Jenjas Mr. Right auch. Wir haben lange gesucht. Nach Vertrauen, nach Wärme. Nach Partnern, die uns lieben, wie wir sind. Nach jemandem, der auf uns wartet, wenn wir mit vollem Kuchenbauch nach Hause kommen und jammern, dass wir gar keine Elfen mehr sind. Menschen, die uns sagen, dass sie all unsere Ecken und Kanten mögen, obwohl wir physisch sehr rund sind. Geborgenheit.

„Er will ein Kind.“ Jenjas Aussage reißt mich recht jäh aus meinen anscheinend gerade zur Illusion gewordenen Gedankengängen.

„Du kannst keine Kinder bekommen. Dein Körper kann das nicht.“, entgegne ich, während sich meine Stirn in unschöne Falten zusammen runzelt. Fehlgeburt würde sich an Fehlgeburt reihen, bis vielleicht ein Durchlauf erfolgreich wäre. Das weiß er.

Meine Freundin zuckt mit den Schultern und beißt sich dabei auf die Unterlippe. Ihr Blick schweift kurz aus dem Fenster und wandert dann zu mir zurück. Ich bemerke, dass mein Mund offen steht, während ich mit leicht zusammengekniffenen Augen nach einer Emotion im Gesicht meiner Freundin suche. Fünf verflixte Jahre waren wir beide der Meinung gewesen, den Mann für Jenja gefunden zu haben. Loyal, liebevoll, lässig.

„Du wolltest auch nie Kinder“, sage ich, nur um das Schweigen zu brechen.

Stilles Nicken ist die Antwort. Nonverbale Kommunikation ist nicht unser Fachgebiet, jedoch kann ich vor lauter Fassungslosigkeit nur die Hände heben, einen fragenden Blick aufsetzen, den Inquisitoren sich gern borgen würden.

„Er ist zu seinen Eltern gezogen. Erträgt es nicht, mich zu sehen und zu wissen, dass ich ihm keinen Nachkommen schenken kann.“

Selten um Worte verlegen, höre ich mich nur laut Luft einsaugen.

„Er fragt sich, was er halt im Leben bisher geschafft hat. Ich habe Adoption vorgeschlagen. Will er nicht. Muss seins sein. “

Nach einem spontanen, spöttischen Grunzer, löst sich endlich der Knoten aus meiner Zunge: „Sagt der Mann, der Kinder vom Balkon aus als Scheißgören bepöbelt und pissig ist, wenn man ihn weckt?“. Ich habe ein Kind. Schlaf ist ausgezogen, als mein Sohn einzog. Mir rutschen ein Idiot und ein Egoist raus. Den Unterschied zwischen in der Öffentlichkeit anmerken, man sei Vater und Vatersein ist gewaltig. Den Klassiker von Mama-macht-und-Vater-flüchtet wollte Jenja immer umgehen. Ihr Körper gab ihr alle Legitimation für immer Kaiserin zu bleiben. Kein Kind würde ihr je Energie aussaugen, Aufmerksamkeit rauben, noch ihren Körper verformen. Viktorianisch ist unsere Gesellschaft heute wie damals. Wie egoistisch kinderlose Frauen sein, wird meinen Freundinnen ohne Nachwuchs oft vorgehalten.

Egoisten sind die, die Kinder bekommen, um ihre ungelebten Träume zu verwirklichen.

Egoisten sind die, die meinen sie hätten nichts im Leben erreicht, wenn sie nicht wenigstens reproduziert hätten.

Egoisten sind die, die aus welchem Grund auch immer, Kinder in diese Welt setzen und sie nicht trösten, wenn sie weinen. Sie nicht ermutigen, wenn sie hadern. Die auf ihr Telefon starren, anstatt ihnen zuzuhören.

Egoistin ist meine Freundin nicht. Keine meiner Freundinnen ohne Kinderwunsch. Sie sind sich selbst genug. Sie brauchen kein Kind, um sich oder anderen etwas zu beweisen. Jenja bräuchte gerade lediglich ein Kind, um ihren Mann zu halten.

„Brauchst du einen Mann, der dir Fehlgeburten zumuten will, nur damit er sagen kann, er hat ein Kind gebastelt?“

Jenja schüttelt den Kopf und ich sehe ein müdes Lächeln. Mit dem Löffel streuselt sie braunen Zucker auf ihren Milchschaum, beobachtet wie er fest wird und trägt in Gedanken versunken die oberste Schicht ab.

Nachdem ich Jenja zuhause abgesetzt hab, fahre ich nachdenklicher als sonst heim. Russisches Dorf, Neuer Garten, Autobahn. Im Radio läuft Amy Winehouse. Love is a losing game. Five story fire as you came. Ich lache kurz und leise auf, ob des Hohns. Fünf Jahre vermeintliche Sicherheit. Er kam, gab ihr das Gefühl sie sei seine Sonne und nun stellt sich heraus, sie bräuchte einen kleinen Mond, um den Mann zu halten. Ob sich zwei Menschen und ihre Liebe zueinander sich nicht genügen könnten, hatte Jenja mich beim Aussteigen gefragt. Anscheinend nicht. Er melde sich nur noch alle paar Tage und frage nach dem Computer und dem Auto. Nicht nach ihr. Aus dem Augenwinkel sehe ich den Flatow-Turm. Wie oft wir zu dritt im Park spazieren waren. Wie viele Fotos er von Jenja geschossen hatte. Wie verliebte Teenager. Auch letztes Jahr noch. And now the final frame. Wenn deren Liebe nur fake war, was ist dann mit meiner? Love is a losing game. Ich drehe das Radio aus. Meine Gedanken wandern zu meiner Freundin, wie sie alleine die Treppe raufgeht, die Tür aufschließt und in eine leise Wohnung kommt. Es ist das traurige Bild ihres Lebens, das sie nie wieder sehen wollte. Er hat sich weggeschlichen.

Man hört nur den Motor, leise die Scheibenwischer und das aufspritzende Regenwasser, als ich die Avus runterbrause.

Wie in einer Schneekugel hat sie gelebt. Gemütliches Haus, zugewandter Mann, ruhiges Leben. Kaum Einfluss von außen. Fernstudium – der Trend zum Zweitstudium hält halt an – abermals mit Vorzeigeabschluss. Mann will selten aus dem Haus, guckt den Schneeflocken nach dem Schütteln vom Schreibtisch aus zu, wenn er von zu schlagenden Online-Schlachten aufguckt. Die Bewohnerin der Schneekugel akzeptiert Langeweile im Austausch für Sicherheit. Tauscht Libido gegen Geborgenheit. Verzichtet auf Ausbruch im Gegenzug für Gemeinsamkeit. Und dann stiehlt sich der Mann aus der geteilten Welt. Er stellt Forderungen, die nicht erfüllbar sind und geht. Zurück bleibt Jenja, die still den Schnee vor ihrem Fenster beobachtet.

Der Funkturm fliegt an mir vorbei.

Mein Jenja wird langsam aus ihrem Haus gehen. Der Schnee wird bei jedem Schritt unter ihren Füßen knirschen. Um sie herum liegt eine verschneite und verlogene Welt. Sie wird die Nase in die Luft recken, tief einatmen und feststellen, dass die Luft zu dünn für sie ist. Ihre Augen werden die Glaskuppel fixieren und sie wird sehen, wie begrenzt ihre Welt ist. Sie wird ihren Mantel mit Bedacht aufknöpfen und rücklings in den Schnee fallen lassen, alte Last ablegen und die Faust zur Kuppel recken. Und dann wird sie springen, fliegen, von innen das Glas zerschmettern und sich in einem neuen Universum umschauen.

You go, girl!

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11 Gedanken zu “Die Schneekugel

  1. Thank you for following my blog. I hope you will write more. The translater gets alot wrong and I don’t know German but I think it is interesting what you have to say and how you say it. Do you ride a bike? How and why may I ask did you find and then choose to follow my blog? Curious how this happens. It is an honor.

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    1. Hey, thanks for reading my stories. One is in English. It’s not my first rodeo. Maybe I should write more in English. My boyfriend got me interested in biking. Roaming around town. I could write about that ;P how this happens, well, I’m still trying to find out. I’m so happy about every comment, view and person who follows my blog. What people told me is – mingle. Read others, follow them, get in touch. So far we are doing good, aren’t we?

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      1. Yes, we are in touch. I don’t know how to reply, follow, comment with everyone. But I want to favor bicyclists. Perhaps you can blog more about that? If you do, maybe we can guest blog for each other or reblog. I’m writing daily til I reach 100 posts, then will scale back. Thank you. Danke.

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  2. I do need to ride more but am helping then attending a big conference. Once that’s over and it’s warmer I hope to do a ride I can write about as a guest list, I’d be honored. I’m happy to post your guest blog after 10 March. Just let me know by email, Miss Schade!

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      1. That’s super cool! I’m hoping to have a guest blog from Neil Morrison is Scotland. Maybe others too! Thanks, Stephanie. Be sure to email me a short bio of you, or not. And pictures would be very helpful. I hope it’s ok it will be later this month. I just had a brilliant idea: I can do a ride featuring German cultural points of interest in Austin! Assuming there are some. There are German named towns outside of Austin settled by Germans in Texas too, but not sure I can make it to one of them, but I will explore that idea. Thanks!

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