Unklaubar

Da sitze ich nun. Ein Raum, so breit wie ein Fenster. Wände so grau, dass nicht einmal die Sonnenuntergangsposter Wärme aufkommen lassen. Vor mir ein Schreibtisch ohne kecke Kalendersprüche. Unter mir ein semi-bequemer Stuhl.

Ich bin 37 Jahre alt und sitze zum ersten Mal in einem Vernehmungszimmer der Polizei.
Das Rad meines Sohnes wurde geklaut. Ebenso mein Autoschlüssel, der jedoch nichts kann, außer Hoffnung in Dieben schüren und mich am nächsten Morgen in einen Zustand zwischen zynischer Dankbarkeit und Ungläubigkeit versetzen. Wo Männchen am Auto scheiterte, war er leider bei meiner minimalistischen Pappschachtel-Schmuckschatulle erfolgreich. Die ist verschwunden. Und mit selbiger all mein Vertrauen und den Glauben an das Gute im Menschen. So jedenfalls fühle ich mich, als ich meinen Befrager dabei beobachte, wie er den Computer hochfährt. Er hätte ihn gestern schon angeschmissen, hätte er gewusst, dass wir heute reden.
Als der Computer computert und der Herr mich belehrt hat, dass ich jetzt keinen Mist erzählen darf, fragt er, was denn passiert sei. Im Groben habe ich ihn darüber am Telefon informiert, jedoch wirkte es da wohl schon so konfus, dass er mich einbestellte. Nervös rucke ich auf meinem Stuhl hin und her, klacke mit meinen Fingernägeln und versuche den Wust an Gedanken in meinem Kopf grundsätzlich von meinen Emotionen zu trennen und diese dann hübsch geordnet zu Protokoll zu geben. Schließlich bin ich bei der Polizei. Ich versuche ein wenig gerader zu sitzen und beginne zu reden. Ich höre, wie anstatt einer chronologischen Berichterstattung nur ungefilterte Gefühle aus mir heraus plappern.
Das Rad wurde geklaut.

Der Ex-Freund meiner Tochter war es.

Der hat anscheinend auch versucht das Auto zu klauen.

Fahrrad gibt er zu. Auto leugnet er.

Der behauptet seine Uhr wäre mehr wert als mein Auto.

Wie kann der das behaupten? Mein Stolz als Autobesitzer ist sehr gekränkt.

Mein Schmuck ist weg.

Ich finde den nirgends.

Aber beweisen kann ich ja nichts.

Was für ne Uhr will der eigentlich haben, dass die wertvoller ist als…
„Ich nehme an, ihr Auto hat keinen Namen?“, unterbricht mich der Herr, der bis hierhin ruhig zugehört hat und nun etwas zu ernsthaft über seine Brille guckt.

Mir wird klar, die Wärme und Persönlichkeit, die der Raum missen lässt, sitzt mir gegenüber. Ich muss lächeln. Für ein Grinsen bin ich noch zu betäubt.

Autos, Fahrräder, sie sind ersetzbar. Bettelarmbänder aus Mayrhofen, die ich als Vierjährige von meinem Opi bekam, eher schwer. Was bleibt ist die Erinnerung an den verbeulten Gondel-Anhänger und die Tatsache, dass das Armband meiner Mama half herauszufinden, dass ich gegen Silber allergisch bin. Was keiner ersetzen kann, ist die Naivität, die Gutgläubigkeit, die ich seit dem Nichtentdecken meiner Pappschachtel genauso vermisse wie die Kreolen, die meine Mama mir in meine ersten Ohrlöcher baumelte.
Genau das erzähle ich dem Polizisten, der mir mit gefalteten Händen und aufgestütztem Kinn immer noch aufmerksam zuhört. Ab und zu ordnet er mein Informationschaos und tippt dann wild auf der Alt-80er-Tastatur, wie er sie nennt. Seine eigene sei viel cooler.

Ich zögere weiterzureden. Ich komme mir so lächerlich vor. Wie ich hier sitze und summiere, wie viele Dinge verschwunden sind, während mein einziger Gedanke ist, ob ich wirklich naiv und dumm war, als ich mein Findelkind ins Haus geholt habe. Es sind weniger die Gegenstände, deren Verschwinden schmerzt, sondern der Gedanke, dass ich von der Person, der ich helfen wollte, hintergangen worden sein könnte.
Aber es war nicht sie. Es war er. Vielleicht hat sie es geahnt, gewusst, zu lange gedeckelt. Aber sie war es nicht. Er war das. Ein Nichtsnutz, Taugenichts, mit zu viel Zeit, zu wenig Ahnung und einer sehr wertvollen Uhr, von der ich nicht wissen möchte, wo er sie her hat.
Mein Gegenüber vollendet einen Satz mit meiner eben gedachten Erkenntnis mit zustimmendem Nicken. Kurz überlege ich, ob ich laut gedacht habe oder er Gedanken lesen kann. Er hat fünf Töchter, antwortet er auf meine unausgesprochene Frage. Ich nicke wissend.

Ob wir als Jugendliche auch schon so roh und ohne Anstand waren, frage ich ihn.

Nein. Niemals.

Ob wir auch einfach um drei Uhr nachts bei Fremden geklingelt hätten?

Niemals. Er fügt ein Beispiel an, was er täte, würde es einer wagen.

Ob wir genauso regellos waren, brauche ich gar nicht mehr fragen.

Er hämmert auf die Tasten, spricht leise vor, was ich zu Protokoll geben werde und plötzlich klingt mein Gedankensalat recht strukturiert. Das Klickern der Tasten beruhigt.
Um in der Lage zu sein, meinem Sohn ein solches Fahrrad zum Geburtstag zu schenken, musste ich viele Jahre studieren und jobben. Ich musste viele Tage von Haferflocken leben. Der Weg von der Abiturientin zur Lehrerin war gepflastert von den Worten pleite, müde und noch mehr pleite. Kicks und Entstressung fanden wir an Orten wie dem Knaack, wo wir wild rum hüpften, es tanzen nannten und oft schlicht Wasser am Waschbecken auf der Toilette getrunken haben, weil man sich verdammt noch mal gar nichts Anderes leisten konnte. Wir haben unser nicht vorhandenes Geld nicht für Ecstasy rausgefeuert, um glücklich zu sein. Wir wussten nicht mal, wo wir das Zeug bekommen hätten. Wir wussten aber, wie wir uns selbst glücklich machen können.
Glück wäre von keinem meiner Freunde gewesen einem achtjährigen Jungen sein Rad zu stehlen und es dann aus lauter Spaß an der Freude zu zerstören.

Glück wäre von keinem von uns gewesen den Eltern unserer Freunde etwas zu klauen.

Wir haben uns nie mit Ehrenhaftigkeit gebrüstet.

Mussten wir nicht, hatten wir.

Nun kommt also jemand ohne Ehre, ohne Geld, aber mit einer wertvollen Uhr, in mein Zuhause, und beklaut mich, mein Kind und hat keinen Schimmer vom Wert dieser Dinge. Der junge Mann hat noch nie gearbeitet, noch nie Geld verdient, außer wir lassen das Verticken von Diebesgut gelten. Der Kerl rennt nun mit einer Goldkette herum, die ich von Vaddan bekommen hab. An dieser baumelt ein wunderschöner Anhänger, den ich schon als Kind angeschmachtet habe. Ein ovaler hellblauer, transparenter Stein, eingefasst in kitschigen Goldschnörkel-Krams. Ein Prinzessinnen-Anhänger, den ich von der Kaiserin in meinem Leben geschenkt bekommen habe. Jahrelanges Erwähnen, wie schön ich den Anhänger fände, hat es mich gekostet. Der Tag an dem sie ihn mir gegeben hat, unvergessen. Ebenso der, an dem sie mir die gereinigten, passenden Ohrringe dazu gab. Der Ritterschlag für jede Enkelin. Mein Omchen ist jetzt 91. Ich traue mich nicht ihr zu sagen, dass der Schmuck weg ist.
Ich schäme mich.

Ich bin traurig.
Merkt auch der Herr und hört mit dem Tippen auf.

Er erklärt mir, dass das Aufnehmen meiner Aussage die eine Sache ist. Viel wichtiger sei doch aber mir Raum zu geben meinen Frust als Opfer loszuwerden. Zu erreichen, dass ich nicht mehr wie ein Häufchen Elend auf dem Stuhl sitze und stattdessen gefestigter aus dem Gebäude gehe, als ich reingegangen bin. Erneut überrollt mich eine Welle der Ungläubigkeit. So hatte ich mir Polizei nicht vorgestellt.

Der Herr sagt, ich habe die richtige Sache getan. Das Kind aufzunehmen. Obwohl es nicht unbedingt positive Nebenwirkungen hat.

Habe ich meine Angst laut formuliert? Habe ich erwähnt, dass ich seit gestern grüble, ob es naiv und dumm war eine 16-Jährige wie mein eigenes Kind aufzunehmen, all das was ich mir erarbeitet habe, auch mit ihr zu teilen und zu hoffen, dass sie sieht, wie wenig man zum glücklich sein braucht? Habe ich gesagt, dass ich befürchte, dass sie nicht sieht, wer wirkliche Freunde sind, was wirklicher Reichtum ist und mein schlimmster Gedanke, wie weh mir das Verhalten ihrer Bekannten tut?
Der Polizist guckt mich ernst an und erklärt mir, dass ich unglücklich werde, wenn ich meine Persönlichkeit ändere, nicht mehr bin, wie ich sein mag.

Ich möchte ihn umarmen.

Wann wir uns wiedersehen, damit auch meine Tochter eine Aussage machen kann. Ich habe sofort eine Idee und posaune eben diese raus: „Ich habe da einen genialen Plan!“ Seine Augenbraue hebt sich, seine Stirn fügt ein paar Falten hinzu. Ich muss laut lachen. Fünf Töchter. Er atmet tief ein und hört sich meinen Plan an, den ich mit versucht unterdrücktem Lachen vorbringe.
Der Herr begleitet mich zum Aufzug. Als ich hinunter fahre, gucke ich auf meine Hand. Da steckt Opas Ehering. W.T. 20.01.1945 steht drin. Von Omchen unter Kohlen vor den Russen versteckt. Immer noch meiner. Der Dieb war auch sonst nicht smart und hat Opas viel wertvollere Manschettenknöpfe da gelassen. Die hat jetzt mein Freund und er wird gut drauf aufpassen. Bis ich ihm erkläre, dass ich nun ein Hemd suche, mit dem er sie tragen kann. Dann wird er sie wohl nicht länger verwahren wollen.
Als ich aus der Polizeiwache marschiere, denke ich nur:

Fahrrad – weg.

Schmuck – fast alles weg.

Auto – noch da.

Gutgläubigkeit – hört bitte auf, sie mir wegnehmen zu wollen.

Die ist unklaubar.

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