Being Miss Bennet

In vain I have struggled. It will not do.“

Ich ziehe laut die Luft ein und die Decke bis zur Nase hoch. Gebannt starre ich auf meinen winzigen Röhrenfernseher und vergebe Colin Firth, wie jedes Mal an dieser Stelle, dass er Jane Austens „have I struggled“ verwurstet hat. Es ist halt Colin Firth. Der darf das.

My feelings will not be repressed.“

Ich halte weiter die Luft an, wohlwissend was Mr. Darcy als Nächstes sagen wird. Zu oft flimmerte die fünfstündige BBC Fassung vonPride and Prejudice schon über meine Mattscheibe. Zu oft habe ich den Roman gelesen. Zu oft habe ich an dieser Stelle nicht geatmet und mich gefragt, wann denn mein eigner Mr. Darcy auftaucht.

You must allow me to tell you how ardently I admire and love you.“

Ich seufze, obwohl ich alleine bin und niemand mich hören kann. Oder gerade deswegen.

Mr. Darcy, Mann aller Männer, am Ende seiner ihm so wichtigen Selbstbeherrschung. Nicht mehr in der Lage seine Emotionen zu unterdrücken, gesteht er Elizabeth Bennet seine Liebe.

Fitzwilliam – nein, absolut keine Option den eigenen Sohn nach Darcy zu benennen – stets kühl,

belesen,

bedenklich gutaussehend,

beiläufig für die Oberflächlichen unter uns erwähnt: selbst auf Austen-Niveau finanziell ein Jackpot,

beachtlich bedacht,

bei Weitem wärmer als seine frostige Fassade vermuten lässt.

Elizabeth findet ihn erstmal scheiße.

Zurecht. Für einen Mann seines Formats deklariert er seine Zuneigung in mehr als kläglicher Form. Welche Frau hört schon gerne im Anschluss an eine solche Offenbarung, dass sie theoretisch nicht standesgemäß, ihr Familie gesellschaftlich kaum duldbar und überhaupt eine ernsthafte Verbindung lächerlich sei.

Heutzutage wäre die Frauenwelt prinzipiell fast erleichtert, wenn sie aufgrund von mangelndem gesellschaftlichem Ansehen zurückgewiesen würde. Wo Mann zu Janes Zeiten noch sehr genau überlegte, wem Mann den Hof machte und sich die tragischen Erfahrungen, die Mann erfuhr in Grenzen hielten, müssen wir uns nun damit herumschlagen, dass jeder Mann den wir treffen, meist mehrfach schwerst enttäuscht wurde und sich als beziehungsphobisch, jedoch selten als paarungsphobisch deklariert. Kurz: Eine Andere hat es vor uns für alle möglichen Nachfolgerinnen verbockt. Danke an dieser Stelle.

‚Nee, du, dafür hab ich gerade keine Resourcen.‘

‚Du, ich bin da emotional gerade nicht in der Lage zu.‘

‚Ehrlich, du bist toll, aber die letzte Frau hat mich zu sehr traumatisiert.‘

Solche Sätze hören Damen des 21. Jahrhunderts wesentlich öfter als: „Deine Familie kann sich nicht benehmen, du erbst zu wenig und ich ruiniere mein Ansehen, wenn ich dich heirate.“ Die Möglichkeit eben dies zu hören, ist jedoch nicht ausgeschlossen.

Um die Herren ein wenig in Schutz zu nehmen, sollte man erwähnen, dass Frauen durchaus grausam, herzlos und berechnend agieren können. Man sollte auch erwähnen, dass es sich um keine Einbahnstraße handelt. Es wäre gänzlich undenkbar, dass Miss Bennet einen ihrer Verehrer mit einem Vergleich zu ihren vormaligen Liebhabern und deren Qualitäten abgewiesen hätte.

Elizabeth wirft Darcy lieber all seine charakterlichen Fehltritte vor. Sie tut dies voller Inbrunst, auf der schlecht recherchierten Basis des Hören-Sagens und mit der Überzeugung einer Frau, deren Urteilsvermögen zu keiner Zeit, beispielsweise durch hormonelle Schwankungen, getrübt ist oder war. Gegen 1813 niedergeschrieben, scheint mir dieses Verhaltensmuster auch im Hier und Jetzt sehr vertraut.

Elizabeth möchte ihn also erstmal nicht.

Ich will schon so einen Mr. Darcy.

Kühl, kalkulierend, kantig.

Schaut man sich um, kommt allerdings in den seltensten Fällen eben so ein Mann daher geritten.

Präferiere ich diese Art von Mann, weil sie schlichtweg nicht außerhalb der Austenschen Romanwelt existiert? Bin ich ein ummauertes Blümchen, das befürchtet von der Realität niedergetrampelt zu werden? Lass ich deshalb nur ab und an mal jemanden über den Wall hüpfen und gucke, ob er außer temporärem Bestäuben noch was kann? Bleibe ich bei der Blumen-Metapher, so muss ich zugeben, dass selten ein Exemplar meinen Weg gekreuzt hat, das sich neben mir hätte einpflanzen sollen. Einmal hat es ein Kaktus getan. Tat sehr weh. Um meinem Ex-Mann metaphorisch gerecht zu werden, würde ich gerne Windbeutel kategorisch der Flora zuordnen lassen. Das tat weniger weh, war aber recht teuer. Da waren auch eitle Rosen, mickrige Gartenkresse und grundsolider Efeu. Was ich mir wünsche, ist wohl eine Pflanze die auf den ersten Blick unscheinbar wirkt, die man länger angucken muss, um zu erkennen wie schön sie ist. Und winterfest sollte sie sein.

Fasse ich alle Männer vor Darcy zusammen, komme ich auf:

Kein Geld, kein Gaul, kein Grips.

Geld war mir nie wichtig. Pemberley als Zweitwohnsitz wäre okay, ist aber kein Muss. Auch die eingeschränkte Mobilität eines Mannes ist nicht unbedingt ein Ausschlusskriterium. Fehlende Bildung allerdings in jedem Fall.

Was mach ich denn, wenn nun genau so einer auftaucht.

Ein Darcy.

Mach ich es wie Elizabeth, schubse ihn weitestmöglich weg und verfalle einem Dünnbrettbohrer wie Wickham, der lügt, betrügt und sich später als Pusteblume entpuppt? Irrational wie es klingen mag, so ist es doch das eine ums andere Mal ebenso geschehen. Die Erkenntnis darüber, dass ein Mann noble Intentionen hat, durchaus eine Verbesserung meiner Lebenssituation oder rational eine gute Partnerpflanze darstellen könnte, löst in mir nur folgende Impulse aus.

Flucht. Abwehr. Aufstockung der Mauer.

Elizabeth braucht eine Weile um einzusehen, dass Darcy einer wie keiner ist.

Von mir für ihren Wortwitz, ihrem Zu-sich-selbst-Stehen und ihrem Hang zur Dickköpfigkeit als imitationswürdig erkoren, bewundere ich sie besonders dafür einen Schritt zurück gehen zu können und eine Situation unter Berücksichtigung neuer Fakten erneut zu beurteilen. Multiperspektiv und aufgeschlossen nennt man das heute.

Darcy gibt natürlich auch alles, um Elizabeth von sich zu überzeugen. Heimlich, still und leise rettet er, natürlich auch in eigener Sache handelnd, die Ehre ihrer Familie, indem er seinen Erzfeind Mr. Wickham zur klassischen Prostituierten macht und dessen Vermählung mit Elizabeths Schwester erkauft. Dann lehnt er sich gegen seine Tante auf und weigert sich strikt deren kränkliche Tochter zu heiraten. Schlussendlich lässt er noch Lizzys Onkel in seinem Teich fischen und überzeugt seinen Kumpel Bingley davon, dass Elizabeths andere Schwester – ja, sie hat sehr viele – doch eine gute Partie ist, nachdem er eine solche Verbindung vormals missbilligte. Ganz großes Tennis, wenn man überlegt, dass es heute als Heldentaten gilt, wenn Mann einem die Einkaufstüten trägt oder wenigstens nach der Hälfte des Weges fragt, ob er einem helfen kann.

Elizabeth nimmt es Darcy übel, dass er sie optisch als höchstens akzeptabel bewertet, ihre Schwester Jane um ihr Herzensglück bringt und überhaupt eher als schnöselig-arroganter Wortkargling rüberkommt. Von seinem wenig schmeichelhaften Antrag überrascht, seinen gerechtfertigten Rechtfertigungen beschwichtigt, beginnt sie beim für sie eher peinlichen Wiedersehen auf Pemberley zu entflammen. In der Literatur muss Darcy dies mit Worten, Gesten und Attitüde erreichen. Im 1995er Film erledigt der Anblick Darcys im weißen, nassen Hemd den Job. In jedem Fall überdenkt sie ihre Aussage, dass er der letzte Mann wäre, von dem sie sich zu einer Heirat überreden lassen würde.

Ich überlege also, ob es in meinem Leben jemals einen Mann gab, der anfangs mein Aussehen als tolerierbar abgetan hat, meine Familie erbärmlich fand und später Himmel und Hölle bewegt hat, um mich davon zu überzeugen, dass seine Liebe alles wäre, was mein Leben lebenswert macht.

Der Kaktus.

Ich überlege folglich weiter, ob ich die damals neu dargelegten Fakten ordnungsgemäß beurteilt habe. Er hat meinen Brüdern keine Frauen ergattert, er hat niemanden in seinem Aquarium fischen lassen und er hat aus lauter Kummer über meine Unwilligkeit zu ihm zurückzukehren seine neue Mitbewohnerin gevögelt.

Ich überlege, ob er je eine Einkaufstüte für mich getragen hat und erinnere mich daran, dass er mir immerhin mal die Tür aufhielt, als ich fünf davon vom Auto in die Wohnung geschleppt habe.

Ich komme zu dem Ergebnis, dass der Kaktus zu keinem Zeitpunkt ein Darcy war oder je sein wird. Er wäre ohnehin zu klein und würde maximal auf einem Pony die englische Prärie durchkreuzen können.

Gab es in meiner Vergangenheit keinen Darcy, besteht dennoch die Hoffnung, dass es ihn da draußen gibt. Jemanden, der genauso leidenschaftlich mit sich ringt, ob er mir sein Herz anvertrauen sollte, wie Fitzwilliam es tut.

Jemand, der weit über seinen Schatten springt, seine Bedenken und Befürchtungen zur Seite schiebt.

Jemand, der Sarkasmus perfekt beherrscht, groß genug ist um andere nicht kleiner machen zu müssen und neben ernsthafter Diskussion banalen Humor kann.

Jemand der bemerkt, dass man eine wie keine ist.

Jemand der mit allem Mut auf meine Mauer zurennt.

Und springt.

Sollte der Moment kommen, wäre ich gern Miss Bennet genug alle gesammelten Vorurteile über die Herrenwelt beiseite zu schieben und meinen Stolz darüber zu schlucken, dass ich alles alleine wunderbar hinbekomme. Anstatt schützend eine weitere Reihe Backsteine auf mein Mäuerchen zu türmen, werde ich wie Lizzy darüber linsen und gucken, wie Darcy sie Stein für Stein geduldig und beharrlich abbaut.

Miss Bennet nimmt die Mühe dankbar an, die Darcy sich gibt.

I’d like being Miss Bennetimg_1840-1

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12 Gedanken zu “Being Miss Bennet

      1. No, I haven’t.

        I’ve seen the movie Bride and Prejudice with Aishwarya Rai which was the Bollywood version of Jane Austen’s tale.

        I once played Mr. Darcy in an amateur theatrical production of Pride and Prejudice back in the summer of 2007.

        But I’ve yet to encounter Pride and Prejudice as a zombie 🧟‍♀️ 🧟‍♂️ tale.

        Gefällt mir

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